Energie für Berlin – Energie aus Berlin

Halbmarathon in Berlin

Am 1. April- Wochenende war ich in Berlin. Ich bin dort meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Mit Berlin ist eine meiner Heldinnengeschichten verbunden. Vor zehn Jahren ist die Firma, in der ich damals arbeitete von Stuttgart ganz nach Berlin gezogen. Ich hatte die Wahl mit zu gehen, oder einen guten Job zu verlassen. Wir waren in Stuttgart privat gerade umgezogen und genossen das Leben am Stadtrand, nah zum Wald und zu den Feldern. Auf den hinter dem Wohngebiet liegenden Feldern sieht es genauso aus, wie in meiner Kindheit in Stuttgart Vaihingen, wo ich großgeworden bin. Kurz, ich fühlte mich zuhause und angekommen. Und dann kam der Ruf mit der Firma nach Berlin zu gehen. Ich hatte mich gerade intern auf den Weg gemacht und mich zur Controllerin weitergebildet, erste selbständige Gehversuche im Berichtswesen und Präsentationen von Zahlen gemacht. Das reichte mir eigentlich an Wandel und Veränderung.

Und  jetzt das!

Ich habe mich für die Hauptstadt und das Pendeln entschieden. Es war eine anstrengende Zeit. Ich musste die Wochenenden organisieren und planen, die Heimreisen mussten finanziert werden und alle hatten Ansprüche an mich, wenn ich mal wieder zuhause war. Die nicht absehbare Dauer des Pendelns zermürbte mich genauso wie die vielen Bewerbungsprozesse, um wieder eine angemessen Stelle in Süddeutschland zu bekommen. Und in Berlin wollte ich natürlich auch die neue Stadt erkunden, neue Wege gehen und neue Leute kennenlernen. Im Rückblick war das ein wahnsinniger Reichtum, der mir da widerfuhr, nur konnte ich das erst im Nachinein und in der Distanz wahrnehmen.

Ohne diese Zeit wäre es für mich nicht vorstellbar gewesen, zwei Jahre später eine Lebenskonstellation zu haben in der ich wieder in Stuttgart wohnte, in Mannheim arbeitete und in Berlin studierte, um mit dem Medien-MBA dem beruflichen Tätigkeitswechsel das Sahnehäubchen aufzusetzen. Die Berliner Zeit und das Pendeln zwischen Stuttgart, Mannheim und Berlin schulte mein Durchhaltevermögen und mein Vertrauen auf Prozesse und das Vermögen Durst- und Hungerstrecken sowie Dürreperioden zu bestehen. Und dann irgendwann: Ernten und Genießen. In dieser Zeit lernte ich auch in stressigen Phasen locker zu bleiben. Alles Qualitäten, die mir jetzt bei dem Halbmarathon zugute kamen.

Verlorener Geldbeutel

Sinnbild für das Loslassen von Altem war für mich vor knapp 10 Jahren die Geldbeutel Geschichte. Ich fuhr nach vielleicht einem halben Jahr oder Jahr von Mannheim aus nach Berlin, um dort gefundene Freundinnen zu besuchen. Sie haben mit mir die Zeit durchlebt und da bin ich  mit ihnen ein Stück zusammengewachsen. Im Zug ließ ich meinen Geldbeutel in der Tasche am Vordersitz liegen. Zwar hatte ich den Verlust sofort nach dem Aussteigen bemerkt, aber es war zu spät, als dass der Schaffner den Geldbeutel noch hätte retten können. So habe ich ein Wochenende in Berlin ohne Geld und Papiere verbracht. Das ist in meiner Vorstellung mit das Schlimmste was überhaupt passieren kann: die bezeugbare Identität verlieren und die Mittel, mit denen ich Abhilfe von Mangel schaffen kann. Oder überhaupt auf Hilfe von anderen angewiesen zu sein. Das ist in meiner Vorstellung ein Zustand, der kaum zu überleben ist. Ich habe überlebt, sogar ganz leicht. Die Freundinnen legten das Geld aus, meine Papiere wollte keiner sehen. Ich vertraute auf den Augenblick und hatte mein Hirn und Herz weit genug offen, dass sich mir der nächste Schritt zeigte.

Es war fast ein Spaziergang dieses und jenes Wochenende in Berlin.